Trotz der zahlreichen Aktivitäten des Ensembles, seines Engagements für jüngere und junge Komponistinnen und Komponisten und seines Einsatzes für die Verbreitung zeitgenössischer Musik im In- und Ausland ist es um das exxj von Subventionsseite nicht gut bestellt. Die Subventionsmittel sind ohne Rücksicht auf den gestiegenen Preisindex und die Inflationsrate auf ein illusorisches Minimum eingefroren, der konstruktive Diskurs mit den zuständigen Behörden wird gesucht und mit permanenten Terminverschiebungen und Hinhaltetaktiken ihrerseits beantwortet.
Seit Jahren versucht das exxj zusammen mit anderen Wiener Ensembles für zeitgenössische Musik, eine Diskussion bezüglich der Vergabe von Fördermitteln zwischen allen beteiligten Institutionen zu initiieren, um der drohenden Gefahr der Aushungerung durch die öffentliche Hand zu entgehen. Transparenz in der Vergabe von Subventionen ist dabei ebenso notwendig wie die Einsicht der verantwortlichen Beamten und Politiker in die Gebarung von Realkosten und die notwendige Schaffung von tragfähigen Infrastrukturen zur effizienten Arbeit der einzelnen Ensembles.
Aus diesem Grund wurde eine Plattform ins Leben gerufen, die der Feststellung der tatsächlichen Bedarfshöhe an Fördermitteln dienen und Konzepte entwickeln soll, die einen Fortbestand der musikalischen und stilistischen Vielfalt in Wien sichern. Am Willen zur Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Ensembles – mit Ausnahme des Klangforum Wien, die reihe, Kontrapunkte (sie brachen die Diskussion von ihrer Seite ab) – fehlt es nicht. Gemeinsame Veranstaltungen, die eine breite Öffentlichkeit über die Notwendigkeit einer vielfältigen Musikkultur in Wien informieren und die Möglichkeit einer Begegnung zwischen Publikum und zeitgenössischer Musik bieten, wurden geplant, terminisiert und organisiert.
Woran es mangelt, ist die Gesprächsbereitschaft der Verantwortlichen. Stadtrat Mailath-Pokorny vereinbart Termine, die er im letzten Augenblick ersatzlos absagt. Die Plattform wird an Mitarbeiter des Kulturamtes verwiesen, die für die spezifischen Anliegen der Ensembles überhaupt nicht zuständig bzw. zum Zeitpunkt des Verweises noch nicht (Dr. Lackenbucher) oder nicht mehr (Hr. Schöny) im Amt sind. Eine solche Gesprächs- und Konfliktkultur erinnert an literarische Visionen eines willkürlichen Machtapparates, wie sie Orwell, Huxley oder Kafka entworfen haben. In einem demokratischen Gesellschaftsgefüge hat sie allerdings nichts verloren. Der Schritt von der Verweigerung des Diskurses, zu dem der Politik die Argumente fehlen, zur Abschaffung von Wahlen, die die Machthaber nicht gewinnen können, ist klein.
Wien verfügt über ein großes Potential an künstlerischen Kräften. Die Stadt bedarf einer starken und leistungsfähigen Kunstszene. Ohne diese und die Weitsicht der verantwortlichen Politiker wird in absehbarer Zukunft die "Stadt der Musik" zu einer Provinz verkommen, die den Anschluss an die gedanklichen Strömungen und künstlerischen Tendenzen ihrer Zeit versäumt hat.
In den letzten Jahren häufen sich von journalistischer und feuilletonistischer Seite wieder die Superlative. Im Zeitalter des Spezialistentums, eines Resultats unseres immer feinmaschigeren Nischen-Denkens, fließt das Schlagwort von der "ultimativen Interpretation" leichter denn je in die Computer-Tastatur.
Unlängst gestand die "Neue Züricher Zeitung" in einem Beitrag einem Ensemble für zeitgenössische Musik das Recht zu, von sich behaupten zu können, es interpretiere die Werke der Zweiten Wiener Schule mustergültig und beispielgebend. Viele Ensembleformationen sind in den vergangenen Jahrzehnten angetreten, um sich aus vielen unterschiedlichen Perspektiven dem komplexen Schaffen der Gruppe um Schönberg, Berg und Webern anzunähern, einem Musik- und Gedankenkosmos, in dessen Rezeption die heutige Geistesgeschichte mitten drin steckt. Bei der Annäherung blieb es auch stets. Zeitlich wie mental zu nahe sind uns die Werke der Genannten noch, um sie aus analytischer Distanz betrachten zu können, ihre und unsere Welt haben noch zu viele Deckungsgleichen, um sie als etwas uns völlig Fremdes oder Entrücktes erfassen, sie wie ein zu mikroskopierendes Objekt vor der Linse der Interpretation fixieren zu können. Sie entgleiten uns nach wie vor, entwinden sich dem Zugriff, stellen der interpretatorischen Vernunft Fallen.
Eine solche Behauptung, wie die "Neue Züricher Zeitung" sie aufstellt, geht von einem rationalen Missverständnis aus, das meint, bei einem musikalischen Kunstwerk handle es sich um ein Problem, das einer Lösung zugeführt werden müsse, nämlich der "Interpretation". Ein solches Denken basiert auf einem akademisch-naturwissenschaftlichen Verständnis, das Kunst als eine Art menschliches Verhaltensmuster ansieht. Doch sie ist nicht der Speichelfluss des Pawlowschen Hundes und nicht das richtige oder falsche Verhalten während einer Versuchsanordnung. Ein Kunstwerk ist keine mathematische Aufgabenstellung, für die es ausschließlich eine richtige Lösung gibt. Das darwinistische Ausschlussverfahren führt sich in der Kunst und ihrer Wandlungsfähigkeit im Kontinuum der Zeitläufte selbst ad absurdum.
exxj hat sich in seiner mehr als drei Jahrzehnte umfassenden Geschichte sehr intensiv mit dem Schaffen der "Zweiten Wiener Schule" auseinandergesetzt. In unzähligen Konzerten und auf Tonträgern (zuletzt die CD mit Werken von Schönberg 2003, erschienen bei Gramola) hat es bewusst "Näherungswerte" ermittelt. Seine Interpretationen versteht es als Beiträge zu einer noch lange währenden Diskussion um die Gedanken und ästhetischen Tendenzen der "Zweiten Wiener Schule", deren Schaffen es zu erschließen (aber nicht abzuschließen) gilt.
Die totale Interpretation, die letztgültige, gibt es nicht. Sie wäre die Totenrede auf ein lebendiges Stück menschlicher Kreativität, sie wäre der Grabgesang auf alles, was Kunst zu einem wesentlichen Teil menschlichen Denkens, Fühlens und Agierens macht, nämlich dieses Molekül an Zeitlosigkeit. Schönberg selbst meinte einmal, alles, was seiner Zeit verhaftet sei, werde auch mit ihr untergehen.
Nichts lässt sich zu Ende sagen. Etwas bleibt immer offen. Das Geheimnis vielleicht. Vielleicht die Sehnsucht.